Shivering beim Pferd - wenn die Muskeln nicht "gehorchen"!

Das Equine Shivering Syndrom oder im Volksmund auch als „Zitterkrankheit“ bezeichnet ist eine relativ seltene, meist fortschreitende neuromuskuläre Erkrankung beim Pferd, deren genaue Ursachen und Folgen bislang nicht hinreichend geklärt sind. Charakteristisch für das Krankheitsbild sind scheinbar willkürlich auftretende spastische Muskelkontraktionen vorzugsweise im Bereich der Hinterhand, seltener ist die Vorhand oder der Kopfbereich betroffen. Die klinische Manifestation kann von Fall zu Fall stark variieren und das Pferd in leichten Fällen kaum einschränken oder in schweren Fällen auch völlig „unbrauchbar“ machen. Typischerweise äußert sich die Erkrankung in Muskelkrämpfen und Zittern der betroffenen Muskulatur. Betroffen kann theoretisch jedes Pferd sein, unabhängig von Rasse, Alter oder Geschlecht. Jedoch kann eine gehäufte Zahl erkrankter Pferde innerhalb besonders großer und schwerer Rassen sowie unter Sportpferden bzw. Pferden mit generell hohem Muskeltonus beobachtet werden. Auch bei fortschreitender sportlicher Belastung kann es zur Symptomentwicklung kommen. Zudem weisen Wallache und Hengste zwischen 4 und 7 Jahren häufiger erste Krankheitssymptome auf.


Symptomatik

Auf den ersten Blick erscheinen betroffene Pferde häufig völlig unauffällig, sichtbar wird die Problematik erst in bestimmten Bewegungen und motorischen Störungen. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein, abhängig vom Schweregrad der Erkrankung und den betroffenen Muskelgruppen. Konzentrieren sich die Symptome auf die Hinterhand äußert sich das vor Allem in motorischen Störungen der Hinterhand. Betroffene Pferde haben meist Probleme die Hinterbeine normal anzuheben. In vielen Fällen führt ein plötzliches Verkrampfen der Muskulatur dazu, dass das Pferd das Bein katapultartig nach oben reißt und nicht locker in der Luft heben kann.

Auch das folgende Absetzen ist dann meist schwierig, oftmals Verharren die Pferde dann mit dem Huf auf der Zehe oder ziehen die Beine auffällig weit unter den Bauch. Das charakteristische Bewegungsmuster der Hinterbeine ähnelt dem des Hahnentritts. Im Gegensatz hierzu stellen die Pferde die Beine jedoch nicht schlagartig ab, sondern setzen sie nach dem „Anfall“ wieder langsam und relativ kontrolliert ab. Sowohl das Hufe auskratzen als auch insbesondere die Hufbearbeitung kann bei erkrankten Pferden deutlich erschwert sein. Viele Pferde haben zudem Probleme beim Rückwärtsrichten. Sie verkrampfen und zucken unkontrolliert und sind nicht in der Lage die Bewegung angemessen zu koordinieren. Gerade bei leichteren Krankheitsbildern kann es hier leicht zu Verwechslungen mit einer reinen Unwilligkeit oder harmlosen Koordinationsschwierigkeiten seitens des Pferdes kommen. Der Pferdehalter sollte bei länger anhaltenden Problemen dieser Art daher unbedingt abklären, ob nicht eventuell eine organische Ursache hinter der vermeintlichen „Unwilligkeit“ steckt. Auch sollte unbedingt ein erfahrender Physiotherapeut ö. ä. hinzugezogen werden, um etwaige Muskelverspannungen und Blockaden (z. B. ISG Blockade) ausschließen zu können. Spasmen in der Schweifgegend und auch Stressreaktionen können dazu führen, dass das Pferd extrem mit dem Schweif schlägt oder ihn aber auffällig lange und weit anhebt. In selteneren Fällen können auch die Vorderbeine betroffen sein. Typischerweise strecken diese Pferde die Vorderbeine beim Anheben gerade aus, ein lockeres gebeugtes Hochheben ist in der Regel schwierig. Gleichzeitig zittert die Muskulatur im Bereich der Schulter und des Ellenbogens. Auch in der Kopf- und Genickregion können Spasmen auftreten, jedoch ist diese Variante verhältnismäßig selten. Betroffene Pferde leiden hierbei oftmals unter unkontrollierbarem, schnellen Augenzwinkern und Ohrenzucken. An Shivering leidende Pferde zeigen in der Regel ein sehr typisches Bewegungsbild. Meist kommt es beim Antreten (Vorwärts oder Rückwärts) zu spastischen Zuckungen, diese verbessern sich dann während der Bewegung. Die Symptome verschlimmern sich in Stresssituationen und bei starker Aufregung sowie auch nach oder während langer Stehzeiten. Aufgrund dieser Tatsache tun sich betroffene Pferde sehr schwer beim Hängerfahren. Häufig sind sie nach einer Hängerfahrt schweißgebadet und zittern am ganzen Körper. Vermeintlich kleine Veränderungen, wie beispielsweise ein unbekannter Bodenbelag und plötzliche Bewegungen können erneute Anfälle auslösen. Diese machen dem Pferd Angst und erzeugen Stress. Wenn nicht unbedingt notwendig sollten daher (längere) Hängertransporte unbedingt vermieden werden. Im Verlauf der Krankheit kommt es bei vielen Pferden zu Muskelatrophien, d.h. die Muskulatur bildet sich in den betroffenen Bereichen immer weiter zurück. In der Folge versteifen die Beine, die Hinterhand wird schwächer. Diese Pferde stehen dann häufig ungewöhnlich breitbeinig. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich beim Shivering um eine schmerzfreie Erkrankung.


Ursache

Bis heute konnte keine klare Ursache identifiziert werden. Dennoch gibt es einige Theorien zu den Hintergründen des Syndroms, entsprechend dieser Theorien gibt es unterschiedliche Behandlungsansätze. Diese garantieren zwar keine Heilung, können aber die klinischen Symptome maßgeblich verbessern. ​​​​Es kann davon ausgegangen werden, dass eine genetische Komponente in vielen Fällen zumindest Mitschuld an der Entwicklung eines Shivering Syndroms ist, eindeutige Beweise gibt es hierfür jedoch bislang nicht. Vermutlich kommt es im Verlauf der Erkrankung zu Störungen in den neuromuskukären Leitungsbahnen, d. h. dass Informationen aus dem zentralen Nervensystem (Gehirn, Rückenmark) nicht vollständig über die Neurone an die periphären Zielzellen (in diesem Fall Muskelzellen) weitergeleitet werden. ​

​Aufgrund der unvollständigen Impulsweiterleitung kommt es dann zu unwillkürlichen Muskelspasmen. Einer Studie zufolge könnte es sich auch um eine Muskelstoffwechselerkrankung handeln. Wissenschaftler konnten bei teilnehmenden Testpferden einen deutlich verringerten Glykogengehalt in den Muskelzellen messen. Gerade bei sportlicher Nutzung des Pferdes käme es dann zu einer deutlich schnelleren Entleerung der Glykogenspeicher, was dann wiederum Muskelkrämpfe auslösen könnte. Eine weitere Studie kommt zu dem Schluss, dass ein Abbau von Neuronen im Kleinhirn ursächlich für die lückenhafte Reizweiterleitung und das Zittern sein könnte.