Wetterfühligkeit beim Pferd: Wenn das Wetter krank macht!

Im Moment spielt das Wetter mal wieder verrückt. Heute ist es warm, morgen schon wieder bitterkalt, regnerisch und windig (insbesondere nachts). Viele Pferde reagieren auf Wetterumschwünge mit Kreislauf- und Verdauungsproblemen und neigen zu Durchfall, Kotwasser, Blähungen und sogar Koliken. Die Kolik ist leider immer noch die häufigste Erkrankung mit Todesfolge beim Pferd. Daher ist es sinnvoll, sich mit begünstigenden oder auslösenden Faktoren zu befassen.


Genau genommen ist die "Wetterfühligkeit" (Fachbegriff im Humanbereich: Meteoropathie) keine medizinische Diagnose.


Dennoch leidet rund die Hälfte der Bevölkerung phasenweise oder regelmäßig an wetterbedingten Beschwerden, ähnlich verhält es sich auch bei unseren Pferden. Worin genau die Gründe für die typischen Problematiken liegen, darüber ist sich die Wissenschaft noch uneinig. Trotzdem sind die Reaktionen vieler Pferde auf plötzliche Witterungswechsel nicht zu leugnen, da es verschiedene mögliche Gründe gibt.


Sicherlich können viele Faktoren, wie beispielsweise die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck, Strahlung (UV, Infrarot) und weitere Umweltsituationen ursächlich für verschiedene Erkrankungen sein. Bei wetterfühligen Pferden kommt es zur kurzfristigen Überforderung des Organismus durch eine Reizüberflutung. Gerade das vegetative Nervensystem, welches für grundlegende Körperfunktionen, die Aufrechterhaltung der Homöostase, Atmung, Verdauung und Blutzirkulation verantwortlich ist, reagiert auf derartige Reize hochsensibel und ist bei plötzlichen Veränderungen schnell „überfordert“. Ein gesunder und starker Organismus sollte im Regelfall dazu in der Lage sein, sich an veränderte äußere Umstände adäquat anzupassen. Gerade ältere, geschwächte, stoffwechselbelastete oder lungenkranke Pferde haben häufig mit den Auswirkungen des wechselhaften Wetters im Frühling zu kämpfen.

Der Körper verfügt über ein ausgeklügeltes System zur Thermoregulation. Dieses ist darauf ausgelegt, die Körperkerntemperatur zu erhalten und auf äußere Temperaturschwankungen entsprechend zu reagieren, den Blutdruck zu regulieren, die innere Homöostase aufrechtzuerhalten und so das Funktionieren der lebenswichtigen Organsysteme sicherzustellen. So reagiert der Organismus auf eine veränderte Außentemperatur mit diversen Anpassungsmechanismen. Bei extremer Kälte kommt es beispielsweise zu Muskelzittern, die Blutgefäße ziehen sich zusammen (Konstriktion) und leiten das Blut ins Körperinnere zu den lebenserhaltenden Organen. Bei großer Hitze hingegen kommt es zur Erweiterung (Dilatation) der Blutgefäße und zur Schweißabsonderung über Haut und Schleimhäute. Kommt es nun zu sehr plötzlichen oder immer wieder wechselnden Wetterumschwüngen ist der Organismus gezwungen sich extrem schnell umzustellen und auf die jeweils neue Situation anzupassen. Das Kreislaufsystem arbeitet dabei auf Hochtouren. Kommt der Körper nicht mehr hinterher, können schnell die typischen Symptome wie Kreislaufschwäche, Leistungsabfall und Kopfschmerzen (auch Pferde können Kopfschmerzen haben!) auftreten. Generell bedeutet eine solche Situation enormen Stress. Stresszustände wiederum „schlagen auf den Magen“. Die Darmflora verschiebt sich und gerät aus dem Gleichgewicht, es kommt zu Störungen im Stoffwechsel- und Verdauungssystem, die die Kolikgefahr gerade bei anfälligen Kandidaten riskant ansteigen lassen können. Eine Theorie gerade für wetterbedingte Kreislaufbeschwerden findet sich in der Funktion der sogenannten Barorezeptoren. Diese Mechanorezeptoren befinden sich vorwiegend in der Innenwand entlang des Aortenbogens (Arteria Carotis Externa bzw. Sinus Caroticus) und sind mit für die Regulierung des Blutdruck zuständig. Sie registrieren fortlaufend den aktuellen Blutdruck und leiten entsprechend Signale an das zentrale Nervensystem weiter (Barorezeptorreflex). Die Herzschlag und Blutdruck regulierenden Barorezeptoren reagieren sehr direkt auf Luftdruckschwankungen oder auch sogenannte Schwerewellen (Hoch-, Tiefdruckgebiete). Meist ist der Organismus ohne weiteres in der Lage sich entsprechend anzupassen, es kann jedoch durchaus sein, dass einige Pferde empfindlichere Barorezeptoren besitzen und dementsprechend wetterfühliger sind als ihre Artgenossen. Generell spielt der Luftdruck eine entscheidende Rolle für das Wohlbefinden. Ein m³ Luft "wiegt" rund ein Kilogramm, heruntergerechnet drücken rund 10.000 kg auf einen m² Erdoberfläche. Da sich dieser Druck gleichmäßig ausbreitet betrifft er auch alle auf der Erde lebenden Organismen, so dass mehrere Tonnen Luft auf dem Pferdeorganismus lasten. Normalerweise kann der Körper diesem Druck gut standhalten. Trotzdem hat der Luftdruck enorme Auswirkungen auf die Gesundheit vieler Pferde. Luft ist zudem nicht immer gleich schwer. Je dichter die einzelnen Gasmoleküle zusammenliegen, desto schwerer wird die Luft. Praktisch bedeutet das, dass warme Luft leichter ist als kalte. Der Grund hierfür liegt in der Beweglichkeit der Moleküle. Bei Wärme bewegen sich die Moleküle deutlich schneller und "schubsen" sich gegenseitig. Bei Kälte reduziert sich der Bewegungsraum, die Moleküle sammeln sich und die Luft wird schwerer. Gerade Pferde mit Atemwegserkrankungen und eingeschränkter Lungenfunktion leiden besonders unter diesem Effekt. Sehr warme Luft enthält weniger Sauerstoffmoleküle, so dass das Atmen bzw. die ausreichende Sauerstoffaufnahme erschwert werden. Sehr schwüle Luft beinhaltet viel Wasserdampf, der die Sauerstoffmoleküle zusätzlich verdrängt. Der Luftdruck spiegelt sich wieder in der Entwicklung von Tief- und Hochdruckgebieten. Zudem steht er in direktem Zusammenhang mit der Entwicklung von Wind und Regen. Gerade an stürmischen Tagen kann es zu Luftdruckschwankungen kommen. Diese haben bei empfindlichen Pferden einen direkten Einfluss auf die Herzfrequenz und den Blutdruck und können gerade für kreislaufschwache (alte, (herz)kranke und/oder gestresste Pferde) sehr belastend sein.

Wetterfühligkeit - eine hausgemachte Problematik durch ein schwaches Immunsystem?