Myopathien/Muskelerkrankungen beim Pferd - PSSM, Kreuzverschlag uvm.

Der Begriff der Myopathie kann aus dem Griechischen („myos“-Muskel, „pathia“-Krankheit) abgeleitet werden und bedeutet so viel wie „Muskelleiden“. Myopathien beschreiben daher eine Vielzahl unterschiedlichster Muskelerkrankungen bzw. Erkrankungen mit muskulärer Ausprägung. Kennzeichnend für myopathische Erkrankungen sind strukturelle und funktionelle Veränderungen der quergestreiften Skelettmuskulatur (seltener der Gefäß- oder Herzmuskulatur-Kardiomyopathie), die zu teils massiven Einschränkungen der fein und grob motorischen Bewegungsmöglichkeiten führen. ​​Abhängig von der Symptomatik lassen sich die Myopathien in vier Hauptklassen unterteilen.


  • Die erste Kategorie ist kennzeichnend für akute Muskelschädigungen und eine Zerstörung der Muskelzellen. In diese Gruppe fallen die „Equine Rhabdomyolyse“ (akut oder rezidivierend) und die wohl bekannteste Muskelerkrankung PSSM (Polysaccharide Storage Myopathy). Auch akute Vergiftungen, entzündliche Prozesse, Mangelernährung, Stoffwechselentgleisungen und die atypische Weidemyopathie führen zu Schädigungen des Muskelgewebes.

  • Die zweite Kategorie zeichnet sich durch eine volumenmäßige Abnahme der Muskelmasse aus, auch Muskelatrophie genannt. Krankheiten können hier entweder nervlich bedingt sein (Borreliose, Equine Protozoen Myelitis (EPM), Equine Motor Neuron Desease (EMND)) oder ihre Ursache direkt im Muskel haben (Equines Cushing Syndrom (ECS), PSSM).

  • In die dritte Kategorie fallen Krankheitsbilder, die zu abnormen und meist unwillkürlichen Muskelzuckungen führen (Faszikulation). Auch hier muss wieder unterschieden werden, ob die Ursache nervlich bedingt ist (Shivering, Epilepsie) oder myogene Gründe hat (Botulismus, Störungen im Elektrolythaushalt, Hyperkaliämische Periodische Paralyse (HYPP)). Die vierte Kategorie äußert sich durch akute oder chronische Muskelschwäche und Belastungsintoleranz (Tying Up).


​​Ursächlich hierbei sind meist Stoffwechselstörungen jeglicher Art. Da sich die Symptome der unterschiedlichen Krankheiten häufig stark ähneln und die eindeutige Diagnostik nicht immer ganz einfach ist, werden im Alltag viele Begrifflichkeiten vermischt und unterschiedliche Erkrankungen in einen Topf geworfen. Die wohl am häufigsten vorkommenden Muskelerkrankungen sind der Kreuzverschlag bzw. das Tying up und die Polysaccharide Speicher Myopathie PSSM.


Akute Erkrankungen

Die Begriffe Tying up, Kreuzverschlag oder Lumbago sind wohl den meisten Pferdebesitzern geläufig. Diese sich sehr stark ähnelnden Erscheinungsbilder lassen sich alle der sogenannten „Equinen Rhabdomyolyse“ (ER) zuordnen.


Charakteristisch hierbei ist nicht, wie landläufig angenommen eine akute Muskelübersäuerung, sondern vielmehr ein Zerfall der Muskelfasern (quergestreifte Skelett- und Herzmuskulatur, Zwerchfell). Das Tying up ist gerade bei Trab- und Galopprennpferden auch als „Feiertagskrankheit“ bekannt. Betroffene Pferde zeigen nach großer sportlicher Belastung erst kolikartige Symptome und sind am folgenden Tag meist ungewöhnlich leistungsschwach bzw. in schweren Fällen sogar völlig bewegungsunfähig. Es kommt zu einer akuten Zerstörung der Skelettmuskelzellen. Ursächlich dabei ist ein fehlerhaftes, der Leistung und den Bedürfnissen des Pferdes, unangepasstes Fütterungs- und Bewegungsmanagement. Nach großer körperlicher Anstrengung (Renntage, Turnier) kommt es an Stehtagen zur übermäßigen Umwandlung von Milchzucker in Milchsäure. Diese greift die Muskelzellen an und zerstört sie. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden mehrere, fast identische Krankheitsbilder als Kreuzverschlag betitelt, die sich zwar in ihren Symptomen gleichen, jedoch völlig andere Ursachen haben. So muss zwischen der spontan auftretenden Erkrankung, der sogenannten „Sporadic Exertional Rhabdomyolysis“ (SER) und zwei chronischen Verlaufsformen unterschieden werden. Hierzu gehören der wiederkehrende belastungsbedingte Kreuzverschlag oder „Recurrent Exertional Rhabdomyolysis“ (RER) und die Kohlenhydratspeicherkrankheit PSSM. Die sporadische Form trifft wie bereits erwähnt vor allem stark beanspruchte Sport- und Rennpferde, kann jedoch auch Freizeitpferde betreffen, die nur sehr selten, dafür aber dann stark belastet werden und meist zusätzlich zu stärke- und energiereich gefüttert werden. Werden zu viele Kohlenhydrate über das Futter aufgenommen, werden diese in Glukose umgewandelt und als Glykogen im Muskel gespeichert. Wird die Futterration an Stehtagen nicht entsprechend reduziert kommt es zur übermäßigen Glykogenspeicherung (Energiereserve). Wird das Pferd nach der Ruhephase wieder belastet, baut der Organismus das Glykogen ab. Für diesen Vorgang wird jedoch Sauerstoff benötigt. Herrscht hier ein Ungleichgewicht, d.h. ist zu wenig Sauerstoff vorhanden bildet sich Laktat (Milchsäure). Dieses wirkt toxisch und schädigt den Muskel. Zudem kommt es zu einer Minderdurchblutung des Muskels, wodurch das Gewebe weiter geschädigt wird. Während der Muskelarbeit wird außerdem Kalzium freigesetzt. Beim Kreuzverschlag wird das Kalzium nicht mehr normal abtransportiert und sammelt sich im Muskelgewebe an. Es kommt zu Flüssigkeitsansammlungen (Ödeme) und zur Zellzerstörung. Durch diese Zerstörung des Muskelgewebes wird das für die Sauerstoffversorgung zuständige Muskelprotein Myoglobin in den Blutkreislauf freigesetzt und über den Harn ausgeschieden (dunkler Harn - Myoglobinurie). Klinische Symptome treten meist zu Beginn des Trainings auf (oftmals nach dem erwähnten Stehtag). Zu den häufigsten Symptomen gehören ein allgemein steifes Gangbild, Verspannungen und Schmerzreaktionen im Lenden- und Kruppenbereich bis hin zur Glutealmuskulatur. Auch extremes Schwitzen, eine schnelle und flache Atmung, eine erhöhte Pulsfrequenz und unwillkürliche Muskelzuckungen sind typisch. Bei schweren Verläufen kann das Pferd nahezu bewegungsunfähig sein, der Urin verfärbt sich durch das enthaltene Myoglobin dunkel (Myoglobinurie).